Andy Warhol und Marc Chagall über Freiheit und Ordnung

Wenn eine Geschichte mit eigentlich anfängt, dann weiß der Leser, dass dem Erzähler etwas dazwischen kommen wird. So ging es mir, als ich Samstagabend, es war stockdunkel, noch einmal zum Supermarkt lief.

Lichter aus Zimmern im Dunkeln

Lichter am Weg

Ich ging durch Wohnviertel vorbei an einer Hochhaussiedlung, bis zur Hauptstraße, an der seit mehr als 30 Jahren ein verlassener Gebäudekomplex der Post steht. Hin und wieder hatte ich dort Licht gesehen und mir im Stillen gedacht, dass wohl ein Hausmeister nach dem Rechten sähe. Doch an jenem Abend brannte nicht nur Licht, ein offenes Tor und ein buntes Plakat luden zu einer Vernissage ein — eine Einladung, an die ich mich erinnerte seit Jahren vorbeigelaufen zu sein, aber der Ziege auf dem Plakat, die ein Motiv in Chagalls Werken ist, wollte ich folgen.

Auf der Suche nach der Ziege, flanierte ich an vielem vorbei, was hier wie Hopper und da wie Picasso wirkte, bis ich das Tier in einem schmalen Gang fand, vor ihm stehen blieb und versank. Ich erkannte sie ohne sie wieder zu erkennen, als sich ein geschäftstüchtig wirkender Mann zu mir gesellte. Er informierte mich, dass alle Bilder käuflich seien und dass es Preisnachlässe gäbe. Ich besann mich auf einer Vernissage zu sein, wo Künstler für ihre Arbeit warben, auch wenn das Gebäude still gelegt war, so dachte ich und fragte ihn, indem ich auf die an Chagall erinnernden Arbeiten zeigte, ob das seine Bilder wären.

»Nein, die sind von dem Neuen. Kommen sie«, waren die Worte, mit denen er mich in einen größeren Raum und fort aus dem engen Gang führte: »Meine Arbeiten sind hier.« Fast hätte ich gedacht frontal vor dem Werk eines Schützlings der Kestnergesellschaft zu stehen, aber nein es war ein Druck: WOW.

»Wir haben dieses Jahr das Bild von Richter zum Thema genommen.«

Es dauerte eine Weile, aber in meinem Kopf mussten Synapsen neu verschaltet werden, denn von Richter sprechen, meint nicht mehr Gerhard sondern neuerdings Daniel, eine Tatsache die mich nach Gemeinsamkeiten zwischen Richtern und Künstlern suchen ließ, bis ich beim Stichwort Siebdruck zum Vortrag meines Gesprächspartners zurückkehrte und anmerkte, dass Papier leider sehr empfindlich sei.

Ich fand WOW geglückt, hätte es mir aber nicht in mein gemütliches Zimmerlein hängen mögen, wo es etwas verhaltener und weniger ausdrucksstark zugeht. Bei den Ausführungen über Druckmaschinen und Handwerk fügte meine Fantasie die fehlende Leere zu der Bearbeitung von Hoppers Nighthawks. Er hatte nur Bogart, Dean, Monroe und Presley als Ausschnitt gewählt und die der Architektur geschuldete Atmosphäre weggelassen. Die Szene wirkte verschwommen und unscharf, als plötzlich Chagall hereinschwebte, sich zu uns gesellte und vom Siebmeister zu hören bekam:

»Natürlich haben sich manche Leute nur in kleineren Formaten an das Thema gewagt. Die haben es dann wenigstens versucht, würde ich sagen, aber es gibt hier einen, der hat sich nicht einmal bemüht das Thema umzusetzen: Er«, und so wurde mein Chagall beschuldigt. Der verneigte sich und sprach mit bescheidener Geste:

»Du kannst aber nicht behaupten, dass ich mich nicht bemüht hätte, immerhin ich habe doch sehr viel Farbe dafür verbraucht.«

»Ja, Farbe verbraucht, das hat er«, bestätigte der Siebmeister, »aber es galt auch ein Thema zu bearbeiten und nur er hat sich dem völlig verweigert.«

»Verweigert, naja, ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass wir hier in Deutschland immer der Ordnung eines Themas verpflichtet arbeiten müssen, wissen sie«, und er schaute zu mir, »ich bin Russe, meine Arbeiten kommen aus der Seele.« Es klang fast verzweifelt und beim Stichwort Seele unterbrach ihn der andere schnell:

»Ja, ja, aus seiner Seele, so blau – also, ich bin Amerikaner mit Geschäftssinn. Guten Abend.«

»Ich gebe ja zu, dass Daniel Richter gerade schwer gefragt ist, aber ich kann damit nichts anfangen.«

»Weil du nicht am Zahn der Zeit lebst.«

»Ich muss mich nicht am Markt orientieren und das ist die größte Freiheit, die ich als Künstler haben kann.«

»Versuche es einmal mit Siebdruck, und du wirst sehen, dass es noch andere Freiheiten gibt, als die einer Themenwahl.

»Ich würde eher befürchten, dass wir unsere Arbeiten dann nicht mehr voneinander unterscheiden könnten.«

»Nein?«

Die Siebdrucke verkauften sich gut und die Ziege meckerte, weil keiner sie hörte. Chagall war sich treu geblieben. Als Warhol erfuhr, dass ich nichts kaufen wollte, schwebte er fort zum nächsten Kunden. Der andere gab mir eine Einladung, mit der ich das kalte Gemäuer Richtung Supermarkt verließ. Als ich auf dem Rückweg das leerstehende Gebäude passierte, waren alle Fenster dunkel und von Chagall und Warhol fehlte jede Spur.
#clapf

Foto: Nicolai Beuermann

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