Das Gespenst Komplexität IV: Ein Bumerangeffekt

Der Bumerangeffekt im Zusammenhang mit Effizienzbemühungen ist das Kuriosum, dass eine Steigerung von Effizienz zu einem höheren Verbrauch führt. Anders formuliert: Seit Erfindung der Energiesparlampe lassen wir mehr und länger Licht brennen.

cartoon Nachhaltigkeit

ohne Bumerangeffekt


Bekannt ist der Bumerangeffekt aus der Kommunikationswissenschaft, wenn bei Werbebotschaften im Kopf des Empfänger entgegen der Absicht des Senders ein negatives Bild vom Produkt entsteht. Psychologen nennen dieses Phänomen Reaktanz und es tritt besonders gerne bei sich bevormundet fühlenden Kindern und Kunden auf. Nun ja, Reaktanz gegen gesundes Obst zur Erntezeit im Herbst, wenn es im Überfluss vorhanden ist, sollte bekannt und nachvollziehbar sein. Dass wir uns tatsächlich aber auch beim Energie sparen so verhalten, erweckt den Anschein von Bockigkeit.

Vom Informatikprofessor Franz-Josef Radermacher erfahren wir in einem Aufsatz mit dem Titel Die Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunft, dass sich Bumerangeffekte durch unsere gesamte Technikgeschichte ziehen. So auch bei unserer Bemühung die Umweltbelastungen pro produzierter Einheit zu senken. Die dabei erzielten Erfolge werden durch zusätzlichen Konsum überkompensiert, was eine höhere Gesamtbelastung der ökologischen Systeme nach sich zieht. Insofern ist Green Economy kritisierbar, denn sie allein als Lösungsmittel gegen Klimawandel ist nicht wirksam genug. Nur das was fehlt, erweckt den Anschein staatlicher Bevormundung und die kann Reaktanz hervorrufen.

Ein braver Mensch mag da seinen Kopf in den Sand stecken, wenn sich die Aussage Mephistopheles so verdreht, dass wir als Teil jener Kraft dastehen, die das Gute will und doch das Böse schafft. Ganz anders Mephistopheles, der hat Böses gewollt und dabei Gutes geschaffen – ein Handlungsansatz, der vielleicht erfolgversprechend wäre. Mein Beitrag an dieser Stelle sind Glühbirnen, die so viel Energie schlucken, dass sofort alle Sicherungen fliegen, wenn eine zuviel leuchtet. Auf diese Weise könnten wir den Verbrauch limitieren und mich zurück in meine Kindheit führen.

Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, dass die Elektrikverkabelung in meiner Wohnung so veraltet war, dass ein hochmoderner Turbostaubsauger nur bei Tageslicht oder im Dunkeln saugte. Dennoch war ich damit zufrieden, denn vor dieser Einschränkung hatte ich statt Staubsauger einen Kasten mit Bürsten über die Teppiche gerollt. Der Kasten ließ sich schwer bewegen, war wenig effizient beim Krümelschlucken und verbrauchte statt Strom Muskelkraft: Meine Muskelkraft. Das finde ich heute wenig erstrebenswert. Radermacher will uns nicht den Strom nehmen, sondern hofft, durch Beschränkungen Innovationen zu erzwingen. Es bleibt zu bedenken, dass Beschränkungen häufig zu Reaktanz führen, so dass wir tja …vielleicht einfach etwas nach dem Mary-Poppins-Prinzip zu einem lustigen Spiel umfunktionieren sollten.

Das mag auch solange gut gehen, wie alle noch zum Ziel kommen. Was passiert, wenn einzelne ihre Existenz gefährdet sehen wurde kürzlich in einem Dokumentarfilm über Klimawandel gezeigt. Als das Wasser in der Landwirtschaft immer knapper wurde und der Wasserverbrauch staatlich reguliert werden musste, sind die Bauern heimlich auf ihre Felder gefahren, um Rasensprenger anzustellen. Paradox: Je knapper das Wasser wurde, desto mehr Wasser haben die Bauern verbraucht und desto mehr Wasser wurde von der Bevölkerung gehortet, so dass was eh schon knapp war immer knapper wurde. Lösungen bietet der Begriff Governance mit seinen Wortverbindungen, aber das ist ein anderes Theater.
#clapf

Inspiration: KT45, zurück in die Zukunft

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