Algorithmus-Vision: Ob Text, ob Bild, ob Form, ob Ton – ein Algorithmus macht die Produktion

Sie heißen Painting Fool, Iamos und Stats Monkey und sie malen, komponieren oder texten. Die Rede ist von Maschinen, die uns Menschen immer ähnlicher werden.

Rechner macht Urlaub

künstliche Intelligenz?


Während es wohl noch eine Weile dauern wird, bis mir ein Mies van der Rohe-Algorithmus meinen Traum von einem Valencia Sessel designt, machen die Maschinen-Künstler in den anderen Disziplinen erhebliche Fortschritte. Den größten Erfolg feierte im letzen Sommer Iamos, dessen Kompositionen vom London Symphony Orchestra für eine CD eingespielt wurden. Damit feiert der Algorithmus einen Erfolg, von dem viele Komponisten nur träumen können.

Algorithmen verändern Datensätze und schaffen daraus Variationen. Die besten von ihnen werden ausgewählt und neu zusammengesetzt. Auf diese Weise entsteht eine Komposition, ein Text oder ein Bild. So wie auch ich nichts anderes mache, wenn ich diesen Text erstelle: Ich nehme eine Information, schreibe sie um und stelle sie in andere Zusammenhänge. Zum Beispiel möchte ich sie als nächstes in meine kleine Erfahrungswelt hineintragen und könnte eben so gut von einer großen Erfahrungswelt sprechen oder bestenfalls das Adjektiv ganz streichen. Im Ergebnis hat so eine Entscheidung über die Wortwahl dann Einfluss auf die Färbung meines Textes. Auch Färbung wird eines Tages einem Algorithmus vorgegeben werden können. Immerhin ist es Painting Fool schon gelungen einen traurigen Gesichtsausdruck zu erschaffen.

Nach meinen Erfahrungen mit Informationsbeschaffung muss ich zugeben, dass meine Texte ohne die Hilfe des Internets hier so nicht stehen würden. Zu gut erinnere ich mich an die frustrierenden Zeiten, in denen Wissen mühsam in Bibliotheken gefunden werden musste, aus dem Faxgerät eines Chefzimmers kam oder sich zwischen Papierbergen von Tageszeitungen versteckte. Häufig war es von mir übersehen worden, so dass ich irgendwann die Verfolgung meiner Gedanken aufgegeben hatte. Das hat sich für mich Dank der bemerkenswerten Entwicklungen im Web geändert.

Wenn ich heute zurück denke, fing es wohl 2000 an, dass Google sechs bis acht Suchmaschinen in meinen Lesezeichen ersetzte. Kurze Zeit später war ich nur noch halbtags beschäftigt. In der restlichen Zeit wurde im Flur darüber diskutiert, ob dem neuen Recherchemonopol zu trauen sei. Natürlich haben wir dann Google überprüft, ob es uns relevante oder politische Informationen vorenthielt, die woanders öffentlich waren, aber nein: Google war gut. Danach begann ein inhaltlich recht dunkles Zeitalter, in dem nicht mehr für Menschen sondern für den Google-Roboter getextet wurde. Oberstes Ziel war ein gutes Ranking. Das erreichten keine guten Texte, sondern die richtigen Keywords an der richtigen Stelle im Quellcode verbunden mit einer umfangreichen Linksammlung.

Anfang 2003 war Google von einer sehr aggressiven Bezahlseite für viele wertvollen Stichwörter gehackt worden. Ich kündigte und fing etwas Neues an, denn ich hatte das Gefühl, dass Textarbeit zunehmend überflüssig werden würde. Heute sehe ich, dass die Entwicklung noch nicht so weit gekommen ist. Deshalb freue ich mich über das Google-Schatzkästchen, das ich Ratschlägen vergangener Zeiten zufolge in Form eines Karteikastens mit Zitaten, Gedanken und Querverweisen hätte selbst einmal anlegen sollen. Heute weiß ich, wofür diese Kiste, die ich nicht angelegt habe, gut gewesen wäre. Um so mehr betrachte ich Google als ein Geschenk zur Bereitstellung von Wissen mit passenden Ergebnissen und danke an dieser Stelle allen, die daran ihren Beitrag haben.

Natürlich bin ich gespannt zu erfahren, ob sich eine algorithmische Textproduktion genauso glücklich entwickeln wird wie sich die Recherche mit Google bis heute entwickelt hat. Vielleicht werden einmal richtungsweisende Verknüpfungen von Inhalten erstellt vielleicht wird aber auch nur Banales und nichts Neues entstehen. Bis auch die Qualitätskontrolle vom Rechner übernommen werden kann, dürfen wohl noch die Rezipienten entscheiden, welche Algorithmen gelesen werden und welche nicht.

Eines Tages wird es wie beim Schachspielen der Rechner übernehmen über bessere und schlechtere Züge zu entscheiden, indem er bessere Verknüpfungen von Inhalten stehen lässt und alle anderen streicht: Auf dass Maschinen eines Tages unsere Welt beschreiben! Was die uns dann wohl sagen würden? Ich jedenfalls bin neugierig und würde so einen Textalgorithmus sehr gerne einmal benutzen.
#clapf

Inspiration: Die Mozart-Maschine, Technology Review, November 2012
Hilfe: Das Denken und die Digitalisierung, FAZ, November 2011

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