Das Gespenst Komplexität V: Die Ich-habe-nichts-zu-verbergen-Laier

Wer sich heute keinen WhatsApp-Messenger installieren will, grenzt sich selbst aus. Die Datenspeicherung in einer Cloud funktioniert nur, wenn man seine GPS-Koordinaten mit verschickt und der alles vernebelnde Geist von ich habe ja nichts zu verbergen beherrscht Dich und mich. Schließlich wollen wir doch vernetzt bleiben, oder?

Datenschutz ade

wir verzichten freiwillig

Ich würde es ja nicht glauben, wenn ich diesen Sommer nicht selbst miterlebt hätte, wie ein Edward Snowden uns über die Überwachung unserer privaten Kommunikation im Netz aufklärte. Der Skandal schien bei vierzig Grad und Sonne den ich-habe-ja-nichts-zu-verbergen-Nebel zu lichten. Plötzlich glaubte ich, dass nun eine neue Zeit anbrechen würde, in der wir offen für unsere Grundrechte eintreten dürften, ohne als paranoid oder verschwörungstheoretisch geschädigt abgestempelt zu werden. Aber nein, mit dem Temperatursturz auf zwanzig Grad hat sich die Diskussion abgekühlt und Du und ich, wir wollen weiter dazu gehören und schweigen wieder.

Wer auch schweigt, aber nicht mehr dazu gehört, ist die Firma Lavabit. Das bis dato erfolgreiche Unternehmen für verschlüsselten E-Mail-Dienst hatte sich Anfang August selbst geschlossen und seine 410.000 Kundendateien gelöscht. Wenn ich mir die Fotos und Aussagen des Gründers Lader Levison betrachte, sehe ich die traurige Schattenfigur eines Anwalts. Was mich an der Geschichte beunruhigt ist die Tatsache, dass Lavabit nicht etwa aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde. Nein, das erfolgreiche Unternehmen wollte die privaten Schlüssel seiner Kunden schützen.

Das System von kapitalistischen Marktwirtschaften ist sicher kritisierbar, aber verglichen mit einer Überwachungswirtschaft kommt es in meiner Vorstellung fast paradiesisch daher. Mein wirtschaftliches Argument gegen Datenspeicherung und der mit ihr einhergehenden Angst vor der Auswertung ist meine Überzeugung, dass Gesellschaften Privatsphäre brauchen, um innovativ zu bleiben. Ich jedenfalls kann mir kein gutes Brainstorming in einem sich überwacht fühlenden Team vorstellen.

Einen besonders tragischen Fall von Selbstschließung erlebten wir unter dem Pseudonym Tron im Oktober 1998. Tron hatte eine preisgünstige Methode zum Verschlüsseln von ISDN-Telefonaten entwickelt. Er war gerade 26 Jahre alt, als er in einer Grünanlage in Berlin-Britz erhängt aufgefunden wurde. Die offizielle Todesursache hieß Selbstmord. Seither hat sich niemand gefunden, der Trons für Geheimdienste gefährliche Geschäftsidee vermarktet hätte. An Nachfrage hätte es damals sicher nicht gefehlt. Wir waren ja noch nicht im Ich-habe-nichts-zu-verbergen-Nebel gefangen, sondern wach, aber leider nicht mit der nötigen technische Vorstellungskraft ausgestattet.

Nun, die Entwicklung eines Bewusstseins für unsere Privatspäre haben wir wohl verpasst. Wir geben mit einem gleichgültigen Schulterzucken tagtäglich Informationen über uns preis. Zwar handelt es sich dabei oftmals nur um die Info, dass wir nichts Relevantes zu sagen haben, aber das Bedürfnis über Funkstrecken verbunden zu sein, ist niemals so hoch wie heute. Tendenz steigend.

Natürlich gehe ich fest davon aus, dass auch der 35 jährige Hacker Barnaby Jack Ende Juli 2013 eines natürlichen Todes gestorben ist. Die Ergebnisse der Autopsie stehen jetzt, Anfang Oktober, immer noch aus. Barnaby Jack wollte auf der Black-Hat-Konferenz in Las Vegas demonstrieren, wie man sich in drahtlose Kommunikationsysteme hackt, um Daten von Herzschrittmachern oder Defibrillatoren abzugreifen. Der Mann hat seine Geheimnisse mit ins Grab genommen.

Noch wird unsere verschlüsselte Kommunikation nur gesammelt und nicht ausgewertet. Mit 20 haben wir beide uns ja noch Briefe geschrieben. Wie auch heute, war schon damals die Nachricht an sich die Message: Sender, Empfänger und der Umfang waren und sind auch heute stets unverschlüsselt und offen sichtbar. Der Brief, den du mir einmal aus Perm geschickt hattest war auf seinem Wege nach Berlin geöffnet oder von Anfang an nicht zugeklebt worden. Egal, wir hätten ohnehin nichts zu verbergen gehabt, oder?
#clapf

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2 Comments

  1. Die Autopsie von Barnaby Jack ist inzwischen abgeschlossen. Er sei an einer Überdosis Drogen verstorben. (Siehe: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Hacker-Barnaby-Jack-starb-an-Ueberdosis-Drogen-2075068.html)
    Dieses Ergebnis hat den großen Vorteil, dass der brave Bürger nun sagen wird: „Das kommt davon, wenn man Drogen nimmt.“ Und fertig. Dass es viel einfacher ist jemanden um die Ecke zu bringen, wenn dieser Jemand harte Drogen konsumiert, wird gerne vergessen.
    Stefan

    • Danke für Deine Recherche samt Link zu Heise. Interessant finde ich ja die Kommentare, bei denen vom Mediziner bis zum Verschwörungstheoretiker alle dabei sind.

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