Das Gespenst Wachstum: Böse oder Green statt Gut

Als ich vor gut 15 Jahren in einer VWL- Einführung fragte, wie lange wir noch davon ausgehen würden mit Wachstum als Größe rechnen zu können, wurde ich durch genervte Blicke meiner Kommilitonen darauf aufmerksam, dass ich etwas Superdämliches gefragt hatte.

Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, solange dauerte das allgemeine Schweigen, bis der Prof sich schließlich erinnern wollte, dass die Neuen Linken in den 60ern so etwas auch schon einmal gefragt hätten. Von diesem Tag an trug ich einen Stempel im Gesicht, den ich mich in den folgenden zwei Semestern ernsthaft bemühte wieder loszuwerden. Ich lernte, dass mein gesunder Menschenverstand volkswirtschaftlich Quatsch mit Sahne gedacht hatte und gewöhnte mir schnell ab Modelle in Frage zu stellen, die mir die Welt irgendwie nur messbar machten.

Statt weiter dämliche Fragen zu stellen, träumte ich bald eine Art Utopie, die mir die beste der möglichen Welten versprach. Das war auch nicht weit hergeholt, denn verglichen mit der Zeit, in der ich aufgewachsen war, gab es bei den sogenannten grünen Innovationen viele Fortschritte festzustellen. Mit ihnen vor Augen fühlte ich mich wohl und rund herum zufrieden.

Die Ankündigung des Themas der Climate Lecture im Herbst 2012 weckte mich aus meinem Dornröschenschlaf. Tim Jackson, Professor an der Universität in Surrey verteidigte in einem Streitgespräch über Wachstum die Position, dass es sich bei dem Glauben an das wirtschaftliche Wachstum um einen Mythos handele. Ich war hellwach, so treffend fand ich diese These.

Völlig losgelöst vom Thema der Climate Lecture, bei der es mehr um Nachhaltigkeit versus Stabilität ging und die Frage, ob eine Entkopplung von Wirtschafts- und Emissionswachstum möglich sei, heftete ich mich an Jacksons Fersen, bis ich zu der seltsamen Forderung kam, dass jemand, der einen Mythos zerstören wollte, auch einen neuen schreiben können sollte. An diesem Punkt hegte ich nach meiner Jackson-Odyssee ernsthafte Zweifel. Nun ja, immerhin er hatte mich geweckt.

Sein Buch mit dem vielversprechenden Titel Wohlstand und Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt habe ich mir nicht gekauft, weil es genauso zukunftsweisend klang wie damals das hochgelobte Buch von Peters über den Innovationskreis: ohne Wandel kein Wachstum. Die Inhalte waren wohl inspirierend, aber wenig visionär zu nennen gewesen und zuletzt erzielte das Buch noch einen sehr schlechten Wiederverkaufspreis.

Nun ja, was immer Herr Jackson mir sagen will, wenn er vom eisernen Käfig des Konsumismus als Ergebnis unserer kümmerlichen Effizienzbestrebungen spricht, es klingt nach kaltkriegerischem Kokolores, mit dem ich ganz sicher keinen ökonomisch fundierten Wachstumsmythos ersetzt haben möchte — und überhaupt wer will hier das Wachstum von wem regulieren?

Ich bin dagegen, nicht weil ich es grundsätzlich schlecht fände, sondern weil ich an Jacksons Hoffnung zweifle, dass das menschliche Wesen die Fähigkeit besäße ein gutes Leben zu führen. Nein, dem Wesen an und für sich will ich hier nichts absprechen, jedoch beim Menschsein sehe ich da Grenzen. Aber gut, das ist eine Glaubensfrage. Insofern finde ich die Vorschläge aus der Öko-Ökonomie zur Rettung unseres Planeten weitaus greifbarer, aber hier spukt uns das Gespenst Komplexität dazwischen: Hui Buh, eine Lösung nicht in Sicht.
#clapf

Inspiration: tui1112, Mythos oder Notwendigkeit?, November 2012
Jackson zitiert nach: PIK, „Grünes Wachstum“ – Märchen oder Strategie?, 2012 und Tagesspiegel, Wachstum rettet uns nicht, November 2012

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